Ein Lied kommt nach Dortmund

Um zu erfahren, wie das Lied „You’ll never walk alone“ von einer Theaterbühne in Budapest über New York, Hollywood und Liverpool nach Dortmund kam, spricht Joachim Król mit Sänger Thomas Henneböhl und BVB-Fan Jan-Henrik Gruszecki.

Bevor wir nach Liverpool fliegen – dorthin, wo der Song „You’ll never walk alone“ zum Fußball kam –, machen wir noch ein letztes Mal Station in Dortmund. Dort gehört das Lied erst seit Mitte der 1990er Jahre zur Stadionzeremonie. Einen großen Anteil daran hatte Thomas Henneböhl, damals Sänger der Band „Pur Harmony“, die den Song in ihrer eigenen Version aufnahm. Wir treffen den BVB-Fan in der Musikkneipe „B-trieb“ im Dortmunder Kreuzviertel. Für den Dreh wird in dem kleinen Lokal eigens eine kleine Ecke freigeräumt, damit für das Interview genügend Platz ist.

Für Joachim Król ist es ein bisschen wie nach Hause kommen. Der „B-trieb“ ist seine alte Stammkneipe, hier hat er damals die Meisterschaft 1995 erlebt. Die Band um Thomas Henneböhl und Matthias „Kasche“ Kartner war damals bereits als Hausband des BVB bekannt: 1993 sangen sie auf die Melodie von „Go West“ (Pet Shop Boys) ihr „Ole, jetzt kommt der BVB“. Diese Cover-Version wird noch heute nach jedem Tor des BVB im Dortmunder Stadion angespielt.

Zur Begrüßung schenkt Thomas Henneböhl Joachim Król die Originalsingle der Pur Harmony-Version von „You’ll never walk alone“. Die Scheibe ist inzwischen genau 20 Jahre alt, veröffentlicht wurde die CD am 11. November 1996. Stadionsprecher Norbert Dickel und den Fans gefiel der Song, und so wurde er Teil der Zeremonie.

Den vielleicht ergreifendsten Moment in der Dortmunder Geschichte von „You’ll never walk alone“ erlebte Król live im März 2016. Als während des Spiels Borussia Dortmund – FSV Mainz 05 ein Fan hoch oben auf der Südwest-Tribüne einen Herzinfarkt erlitt und verstarb, sprach sich die traurige Nachricht schnell in den beiden Kraftzentren der Fankultur – auf der Südtribüne und im Gästeblock – herum. In der zweiten Halbzeit war es im Stadion still, weil die Süd und die Mainzer Gäste das Anfeuern einstellten. Um dann in der 85. Minute gemeinsam „You’ll never walk alone“ anzustimmen. Damit fand das Lied wieder zu der Funktion zurück, die es im Musical „Carousel“ hatte: Trost zu spenden in einem Moment tiefer Trauer.

Am nächsten Morgen geht es für uns in die Oesterholzer Straße, zu einem Eckhaus unweit des Borsigplatzes. Ein kleines Schild an der Hauswand verrät, dass hier einst die Gaststätte „Zum Wildschütz“ ihr Zuhause hatte. Im ersten Obergeschoss gründeten 18 junge Männer am 19. Dezember 1909 den BVB. Heute wohnt auf dem historischen Boden in dem alten Spiegelsaal über der Gaststätte BVB-Fan Jan-Henrik Gruszecki. „Der Parkett-Boden stammt noch original aus der Zeit“, erzählt er Joachim Król nicht ohne Stolz.

2013 hatten Gruszecki und zwei Freunde die Idee für einen Dokumentarfilm über die Gründungsgeschichte von Borussia Dortmund und das Leben des Mitbegründers Franz Jacobi. Gedreht werden sollte an Originalschauplätzen. Als Gruszecki erfuhr, dass die Mietwohnung über dem ehemaligen Gastraum zwangsversteigert werden sollte, schlug er sofort zu. Inzwischen gehört ihm das gesamte Haus, und nach über zwei Jahren Vorbereitung, Spendensammlung und Dreh ist die DVD „Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB“ Ende Mai 2015 erschienen (mehr über das Projekt auf www.franz-jacobi.de).

Die Geschichten aus Dortmund sind für unseren Film nun erzählt, weiter geht es zu unserer letzten Station – auf die britische Insel, zum FC Liverpool…

2017-04-23T14:28:54+00:00