Der Ball rollt in Herne

Unsere Reise zu den Ursprüngen der Fußballhymne „You’ll never walk alone“ führt uns zu einer Quelle der Fußballbegeisterung im Ruhrgebiet. Im Westfalia Stadion in Herne, beim Heimatverein von Joachim Król, gehen wir seiner Leidenschaft für den Ballsport auf den Grund – und treffen auch auf den BVB.

In kaum einer Region Deutschlands ist die Fußballleidenschaft so groß wie im Ruhrgebiet. Und nirgendwo ist die Vereinsdichte höher. Borussia Dortmund, Schalke 04 und den Vfl Bochum kennt man. Einst große Vereine wie der SC Westfalia Herne dagegen sind inzwischen in den Hintergrund getreten. Dabei kann der Verein mit seinen über 100 Jahren auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Westfalia Herne gehörte zu den erfolgreichen Clubs der Vor-Bundesliga-Zeit: 1959 und 1960 spielte der Verein in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft und von 1975 bis 1979 immerhin noch in der 2. Bundesliga. Am Abend erwartet der inzwischen sechstklassige Westfalenligist Besuch vom großen Nachbarn aus Dortmund. Der BVB ist mit seiner U23 zu Gast.

Nachdem nun aber alle Scheiben zusammengesucht sind, geht es an den Plattenspieler. Das Auflegen einer Platte hat etwas Zeremonielles: aus der Hülle nehmen, abbürsten, Nadel aufsetzen – und dann ertönt ein sattes Klangbild; viel schöner als CD oder MP3, sagen die Liebhaber. Joachim Król hört sich jede Version des Liedes zunächst mit Kopfhörern an, danach noch einmal laut. Und da die Szenen selten in einem Rutsch im Kasten sind, hören wir „You’ll never walk alone“ viele Male. Auf den Ruf „Und nochmal bitte!“ von Regisseur André Schäfer, entgegnet Joachim Król zum Schluss lachend: „Ich kann’s bald schon nicht mehr hören…“

„Wir gehen am Sonntagnachmittag / zu unsrer Westfalia / Die liebe Sonne freundlich lacht / für unsre Westfalia“ – so heißt es im alten Vereinslied auf die Melodie von „Viva Espana“. An diesem Dienstagvormittag tut sich die Sonne allerdings noch schwer. Der Himmel zeigt sich Grau in Grau – authentisches Ruhrgebietswetter, mag einer unken, aber das soll das Filmteam nicht aufhalten. Ein Flug mit der Drohne über den grünen Rasen steht auf dem Plan. Und so lange es nicht regnet, steigt das Fluggerät in den Himmel und saust über den Platz. Unten auf dem Grün zeigt Joachim Król derweil seine Ballkünste, die bei weitem nicht so eingerostet sind, wie er behauptet.

Westfalia Herne ist Joachim Króls erste Fußballliebe. Wenngleich die Leidenschaft für Borussia Dortmund längst überhandgenommen hat, kehrt er – inzwischen Ehrenmitglied des Vereins – immer wieder gerne zurück ins „Stadion an der Ritterfeste“, wie die Herner das Stadion am Schloss Strünkede nennen. Król ist in Herne aufgewachsen und pilgerte als Kind und Jugendlicher mit seinem Vater zu vielen Spielen am Schlosspark. 

Die überdachte Haupttribüne des Stadions hat schon bessere Zeiten gesehen, die Farbe blättert an einigen Stellen von der Wand. Joachim Król trifft hier auf einen alten Freund: Torwartlegende Hans Tilkowski, der in seiner aktiven Zeit sowohl bei Westfalia Herne als auch bei Borussia Dortmund spielte. Und natürlich bei der deutschen Nationalmannschaft, für die er insgesamt 39 Einsätze hatte. Sein berühmtester: Tilkowski stand im Tor, als das kuriose „Wembley-Tor“ beim Finale der Weltmeisterschaft 1966 fiel – oder eben eigentlich nicht fiel. Mit Borussia Dortmund wurde er 1965 DFB-Pokalsieger und erhielt als erster Torhüter die Auszeichnung „Fußballer des Jahres“. Für sein unermüdliches soziales Engagement wurde Tilkowski zudem 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Mit Joachim Król spricht er über Leid und Freud des Fußballs, über Erfolge und Niederlagen und die Emotionalität des Spiels. Nicht viel berührt die Ruhrpott-Seele mehr als die Identifikation mit Fußball-Helden. Król erzählt Tilkowski die spannende Geschichte unseres Filmprojekts im Schnelldurchlauf. Und wir lernen: Ob man im Stadion seine Lieblingsmannschaft unterstützt, im Theater Molnars Stück „Liliom“ bewundert oder im Plattenladen alten Musikstücken lauscht – die Leidenschaft und die Begeisterung können ganz ähnlich sein.

Am Abend sehen Hans Tilkowski und Joachim Król die Jungs von Westfalia Herne dann auch noch kicken. Die U23 des berühmten Nachbarn Borussia Dortmund ist zu Gast. Pünktlich zum Testspiel gegen den BVB lacht die Sonne dann auch tatsächlich für die Westfalia. Das Ergebnis kann sich für die Herner ebenfalls sehen lassen: Fußball-Westfalenligist SC Westfalia Herne bezwingt die U23 von Borussia Dortmund mit 2:0.

2017-04-23T14:40:33+00:00