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Budapest: An den Quellen des Liedes (1)

Wir verlassen das Dortmunder Stadion, in dem eben noch 80.000 Fans lauthals „You’ll never walk alone“ gesungen haben, und starten unsere Reise dort, wo vor mehr als hundert Jahren tatsächlich alles angefangen hat: in Budapest. Dass das Lied aus einem Musical stammt, wissen vielleicht einige. Das dieses wiederum auf einem ungarischen Theaterstück basiert, die wenigsten.

Für einen Filmdreh ist es alles andere als selbstverständlich, dass die Stationen einer Reise in chronologischer Reihenfolge gefilmt werden – aber die Dreharbeiten für die WDR-/Arte-Dokumentation „You’ll never walk alone“ beginnen tatsächlich in der Stadt, in der die Ursprünge des berühmten Liedes liegen. Und das bietet uns die Gelegenheit, tief in den Zeitraum rund um die Jahrhundertwende einzutauchen. Denn in Budapest ist Geschichte noch an jeder Straßenecke erlebbar. Die ungarische Hauptstadt besteht aus den beiden Teilen Buda und Pest, die durch die Donau getrennt, aber durch zahlreiche Brücken verbunden sind. Die flache Pester Seite wird von mehreren prachtvollen Boulevards und Alleen durchkreuzt, die mit beeindruckenden Bauten im Stil des Historismus gesäumt sind.

Schon bei unserer ersten Station, dem Vigszinház (auf Deutsch: „Lustspieltheater“), einem wunderschönen Theater mit kunstvollen Stuck- und Goldverzierungen und roten Sesseln, atmen wir die Atmosphäre der Habsburger Zeit. Hier wurde am 7. Dezember 1909 das Theaterstück „Liliom“ des ungarischen Dramatikers Ferenc Molnár uraufgeführt. Nicht einmal zwei Wochen später, am 19. Dezember 1909, wurde im Dortmunder „Wildschütz“ der Ballspielverein Borussia gegründet. „Das kann doch kein Zufall sein“, scherzt Joachim Król.

Der Schauspieler trifft im Vigszinház auf Theaterregisseur Maté Szabó, der das Stück erst Anfang dieses Jahres neu inszenierte. Die beiden sprechen darüber, warum „Liliom“ zunächst beim Budapester Publikum durchfiel – und warum Szabó findet, dass das Stück gerade heute noch Bedeutung hat. Den Text von „You’ll never walk alone“ muss Joachim Król dem ungarischen Regisseur aber erst noch in Erinnerung rufen. Uns wird jetzt erst wieder klar, dass das Lied im Theaterstück noch gar keine Rolle spielt. Auch mit Theaterdirektorin Enikő Eszenyi kommt Król ins Gespräch, die berühmte ungarische Schauspielerin spielte in ihrer Jugend einst selbst in „Liliom“ und leitet nun das Vigszinház. Auf einer goldenen Wand in ihrem Büro sammelt sie Unterschriften berühmter Besucher und Schauspieler – auch Joachim Król verewigt sich natürlich gern.

Wie aus einer Szene des immer noch erfolgreichen Theaterstücks aus dem frühen 20. Jahrhundert ein Lied wurde, das Einzug in viele Fußballstadien rund um die Welt gefunden hat, haben wir heute allerdings noch nicht herausbekommen. Jedoch haben wir wie bei einem Puzzle ein paar wichtige Teile zurechtgelegt. Bevor die Spurensuche weitergeht, stehen einige Stadtimpressionen auf dem Drehplan: Europas größte Synagoge, das Holocaust-Mahnmal, der prachtvolle Bahnhof im Neorenaissance-Stil und natürlich die Donau. Immer auf der Suche nach spannenden Motiven entdeckt Regisseur André Schäfer auf dem Weg zur nächsten Station einen Aussichtspunkt auf der Margaretenbrücke. Als es nach dem Dreh im Theater mit Joachim Król dorthin geht, sind zwar schon einige Wolken aufgezogen, aber der Blick über das bergige Buda und das flache Pest mit dem imposanten Parlamentsgebäude ist dennoch atemberaubend.

Beim Abendessen in einem kleinen Restaurant im jüdischen Viertel begegnet uns das Lied völlig überraschend wieder: Im Hintergrund läuft die Pink-Floyd-Platte „Meddle“, Joachim Król läuft zum Kellner und bittet ihn, auf ein bestimmtes Stück zu springen und lauter zu drehen. In „Fearless“ hört man am Ende Liverpooler Fans „You’ll never walk alone“ singen – und Joachim Król stimmt mit ein.

Am nächsten Tag steht ein Dreh im berühmten Café New York auf dem Plan. Mehr darüber demnächst hier.

2017-04-23T15:03:36+00:00